Marilyn in Friesland - sie machte eine gute Figur

 
Wie wird das wohl sein mit einem L17 auf den Friesischen Meeren, gar auf dem Ijsselmeer? Ich war schon etwas gespannt, als Jutta und ich uns nach problemloser Fahrt am Nachmittag des 16. Juli im Jachthafen von Workum mit Heide und Reinhard trafen.
Alle M├╝hen der Vorbereitung von Boot und Ausr├╝stung waren schnell vergessen, denn wir sahen Wasser bis zum Horizont und f├╝hlten den best├Ąndigen Wind, der in den n├Ąchsten Tagen kaum nachlassen sollte.
Das Wasser von oben lie├č aber auch nicht nach, so da├č wir, statt aufzutakeln, uns zu Heide und Reinhard in deren Wohnmobil fl├╝chten mussten. Sommerwetter 2011 auch hier! Heide hatte guten Kaffee gekocht und wir sprachen den Ablauf der n├Ąchsten Tage durch, wenn, ja wenn das Wetter mitmachen w├╝rde.

Das Wetter machte nicht mit, wie wir wollten und ich war gut beraten gewesen, f├╝r die Marilyn eine ger├Ąumige Kuchenbude zu bauen. Der Auf- und Abbau war zwar immer etwas fummelig, aber Jutta stellte sich dabei so geschickt an, da├č die Prozedur schnell erledigt war. Der Regen und der k├╝hle Wind blieben drau├čen und das Ding hielt bis zum Schluss.
 
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Geschlafen haben wir in der engen Kaj├╝te w├Ąhrend der ganzen Tour wie die Murmeltiere. Das Schaukeln des Bootes, das Pl├Ątschern des Wassers unter dem Rumpf und frische Luft satt blieben nie ohne Wirkung.
Am n├Ąchsten Morgen war an ein Auslaufen auf das Ijsselmeer nicht zu denken, denn der Wind blies best├Ąndig mit 5 Beaufort aus SW und lie├č den Regen waagerecht ├╝ber die Boote fliegen. Wir entschlossen uns deshalb zu einer Fahrt unter Motor durch die Kan├Ąle nach Heeg.
Im Passantenhaven Heegerwal
 
 
Zuvor machte der Au├čenborder-Anf├Ąnger Peter gleich nach dem Loswerfen der Leinen die Erfahrung, da├č sich Ruderblatt und Propeller ├╝berhaupt nicht vertragen. Der erste Scherstift war f├Ąllig! Zum Gl├╝ck hatte ich mir zehn St├╝ck davon angefertigt, das sollte gen├╝gen.
Die Kan├Ąle haben alle Namen und so gelangten wir durch It Soal, Djippe Dolte, Klifrak, Lange Fliet, Koarte Fliet, das Grutte Gaastmar und den Yntemasleat in das Heeger Meer.

Hier gab es schon kurze, steile Wellen und als der Wind noch zulegte, machten wir auf der kleinen Insel Leijepolle fest und warteten ab.
Wir h├Ątten lange warten k├Ânnen, denn nur der Regen lie├č nach und so fuhren wir unter Motor die 1,8 Seemeilen bis nach Heeg und machten im Passantenhaven Heegerwal fest. Im Laufe des Nachmittags f├╝llte sich unser Hafenbecken noch mit gro├čen und kleinen Wanderjollen, deren Besatzungen entweder auf den Booten oder in kleinen Zelten ├╝bernachteten.

Unsere Segelkameraden Joachim Kirsch, J├Ârg, Claudia und Andreas Fuchs hatten sich eine gro├če Bavaria gechartert und ebenfalls im Passantenhaven angelegt. Mit ihnen zogen wir am Abend durch die kleine Stadt Heeg und kehrten in einer ziemlich d├╝steren, riesigen Pizzeria ein. Es sollte das einzige Mal sein, da├č uns der Hunger helfen musste, das Essen runter zu bekommen.

Unserer guten Laune tat dies keinen Abbruch und wir beschlossen den Tag bei einer guten (oder zwei?) Flasche Wein in der gro├čen Kaj├╝te der Bavaria.

Der neue Tag begann so, wie der alte aufgeh├Ârt hatte. Es regnete und ein kr├Ąftiger Wind mit f├╝nf bis sechs Beaufort blies in die Hafeneinfahrt. Es wird wohl ein Hafentag werden heute, Gelegenheit also, meinen Geburtstag zu feiern.
Es wurde ein sch├Âner Tag und kaum hatte ich die erste Flasche Cremant ge├Âffnet und mit Jutta angesto├čen, standen Heide und Reinhard mit der Gitarre am Steg und sangen mir ein Lied. Ich traute zun├Ąchst meinen Ohren nicht. Wo hatte der die Gitarre her? Egal, jetzt schnell unter die Kuchenbude und Rei├čverschluss zu.
Wir feierten, lie├čen es drau├čen regnen und uns den Cremant und den Rest des Fr├╝hst├╝cks schmecken.
Den Nachmittag verbrachten wir dann mit der Bavaria-Crew in Heeg und es hatte mal aufgeh├Ârt zu regnen. Es gab viel zu sehen, sch├Âne, kleine, putzige H├Ąuser und sch├Âne Plattbodenschiffe auf den vielen Kan├Ąlen.
 
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Das hier abgebildete Plattboden­schiff zu pflegen, instand zu halten und auch zu segeln haben sich einige gutbetuchte, ├Ąltere Herren, die ich kurz kennen lernen konnte, zur Passion gemacht.
 
 
Abends trafen wir uns dann wieder in der Kaj├╝te der Bavaria. Claudia hatte noch einige K├Ąseplatten zurechtgemacht und ich den Rest des Cremant - Ballastes angeschleppt.
Es war einer meiner sch├Ânsten Geburtstage .....
Die Gitarre ├╝brigens, die hatte Reinhard auf seinem Boot verstaut, wo sonst. Die Cornichon war so sinnvoll einger├Ąumt, als w├╝rden die beiden zu einer Regatta fahren. Da muss ich beim n├Ąchsten Mal einiges anders machen oder zu Hause lassen. Zum Gl├╝ck behielt Jutta in meinem Chaos den Durchblick.

Am n├Ąchsten Morgen schliefen wir alle etwas l├Ąnger. Ich besorgte wieder eine gen├╝gende Anzahl der ber├╝chtigten holl├Ąndischen Gummibr├Âtchen und nach dem Fr├╝hst├╝ck legten wir ab. Das Wetter hatte heute mal ein Einsehen, es blieb leicht bew├Âlkt und der Wind wehte m├Ą├čig mit drei Beauforts.
Zun├Ąchst segelten wir durch das ├Âstliche Ende des Heeger Meeres in den Waldseinster Rakken, der Kanal, der mitten durch die kleine Stadt Woudsend f├╝hrt. Dort gibt es ein h├╝bsches Kanal-Cafe mit einer Anlegem├Âglichkeit direkt bei den Tischen. Es war noch Platz f├╝r uns und so konnten wir schon bald den herrlichen Kaffee und den guten Kuchen genie├čen. Die Holl├Ąnder haben ja eine richtige Kaffeekultur, aber hier gab es den besten, den ich auf der Reise genie├čen konnte. Zu jedem Kaffee gab es noch ein Glas mit Sahne und karamellisiertem Lik├Âr. Ich k├Ânnte jetzt noch dort sitzen .....
 
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Um 16.30 Uhr entschlossen wir uns aber, weiterzufahren zu unserem Tagesziel Sloten. Zun├Ąchst ging es ├╝ber das Aqu├Ądukt Woudsend in den Kanal De Le und dann auf das Sloter Meer. In Sloten machten wir unsere Boote in einem kleinen Kanalhafen fest. Es war der sch├Ânste und ruhigste Liegeplatz der ganzen Reise.
Heide und Reinhard auf dem Heeger Meer
 
 
Nach einem Rundgang durch Sloten, dessen Backsteinh├Ąuser aussahen, als st├╝nden sie in einem Museum, fanden wir ein sch├Ânes Restaurant mit einer Terrasse neben einem kleinen Kanal. Bei uns bekommen viele Jugendliche, wenn sie alt genug sind, ein Mofa, in Holland einen kleinen Au├čenborder. Den h├Ąngen sie an ihr Schlauchboot und d├╝sen mit ihren Freundinnen ├╝ber die Kan├Ąle. Das konnten wir von unserem Platz auf der Terrasse gut beobachten.
Das Essen war hervorragend und als wir zu unserem Liegeplatz zur├╝ckgingen und wieder die sch├Ânen H├Ąuser betrachteten, viel uns auf, da├č kaum ein Giebel senkrecht stand. Nein, wir hatten nicht zuviel getrunken, der Untergrund hat hier scheinbar so wenig Festigkeit, da├č die H├Ąuser im Laufe der Jahre in irgendeine Richtung abkippen.
 
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Wir verholten uns rechtzeitig in die Schlafs├Ącke, denn f├╝r morgen hatten wir uns den gro├čen Schlag ├╝ber das Ijsselmeer zur Westk├╝ste nach Enkhuizen vorgenommen.
Im Hafen Lemsterpoort in Sloten
 
 
Nach einer Nacht im Tiefschlaf und einem guten Fr├╝hst├╝ck fuhren wir unter Motor durch das Brandemar, die Kan├Ąle Hjerringsleat und Riensleat und durch das Grutte Bekken in den Prinses Margried Kanal. Hier war umsichtiges Fahren angesagt, denn der Kanal und die gro├če Schleuse werden auch von Frachtschiffen benutzt.
 
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Vor der Schleuse hatten wir Gl├╝ck, sie wurde gerade auf unserer Seite ge├Âffnet und die riesige Autobahn-Klappbr├╝cke hochgefahren.
Das Schleusen war kein Problem, an der Schleusenwand waren Ketten gespannt, an denen wir uns halten konnten. Der Wasserstand ├Ąnderte sich kaum merklich und nach wenigen Minuten ├Âffneten die westlichen Tore und vor uns lag der breite Kanal zum Ijsselmeer. Wir motorten noch bis ans Ende des Kanals und konnten endlich die Segel setzen.
Vor der Prinses Margriet-Schleuse
 
 
Alles schien zu passen, der Himmel war nur m├Ą├čig bew├Âlkt und der Wind kam mit 2-3 Beaufort aus West-Nordwest. Wenn er so bliebe, k├Ânnten wir mit Kurs 240° auf einem Bug bis nach Enkhuizen segeln. Fast 15 Seemeilen auf einem Bug - f├╝r einen Losheimer Segler ein Traum. Hier wurde er Realit├Ąt. Die Hafenstadt Lemmer und die Ostk├╝ste verschwanden allm├Ąhlich achteraus, nur an Backbord konnte man noch das Ufer des Noordoostpolders erkennen.
 
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Als wir die Tonne RH-B passiert hatten, schlief der Wind etwas ein und wir banden die Boote zusammen, um die l├Ąngst f├Ąllige Kaffeepause zu machen. Wir lie├čen uns einfach treiben, Platz war ja genug und genossen es, hier zu sein.
An diesem Tag stimmte alles, denn als der Kaffee getrunken und die Kekse gegessen waren, setzte auch der Wind wieder ein und wir konnten Kurs auf Enkhuizen nehmen.
Kaffeepause auf dem Ijsselmeer
 
 
Um 19.00 Uhr legten wir im v├Âllig ├╝berf├╝llten Compagnieshaven in Enkhuizen an und blieben gleich am Meldesteig liegen, denn es war richtig voll hier. Mit unseren kleinen Booten hatten wir aber auch hier kein Problem, es war wie mit einem Smart in der Stadt - eine L├╝cke findet sich immer. Bei den Holl├Ąndern gibt es ├╝brigens keine Boote von 5,17 Metern, die fangen erst bei sechs Metern an. So bezahlten wir immer die geringste Liegeplatzgeb├╝hr.
Im Hafen gab es alles, was Seglers Herz begehrt. Das Sanit├Ąrgeb├Ąude erstreckte sich ├╝ber zwei Etagen und war das tollste, was ich je in einem Hafen gesehen habe. Auch die Sauberkeit in diesem und den anderen H├Ąfen war immer vorbildlich.
Das Beste aber war ´De Mastenbar´, das Restaurant, in dem wir diesen sch├Ânen Segeltag ausklingen lie├čen. Im Lokal herrschte ein tolles maritimes Ambiente, ├╝berall standen oder hingen Gegenst├Ąnde herum, die Fahrensleute von ihren Reisen mitgebracht hatten. Es gab aber nicht nur was f├╝r die Augen, auch das Essen war so gut und reichhaltig, da├č hinterher f├╝r keinen Keks mehr Platz gewesen w├Ąre.

Der Donnerstag begann wieder mit g├╝nstigem Wetter, aber bei der vorherrschenden Windrichtung NW w├╝rden wir die ├╝berfahrt nach Workum an einem St├╝ck nicht schaffen. Wir entschlossen uns deshalb, nach Medemblik zu segeln und von dort am Freitagmorgen den Schlag an das Ostufer nach Workum oder Hindeloopen zu starten.
Zuvor gaben wir noch ein kleines Feuerwerk, denn ich hatte die Patrone unseres Gaskochers getauscht und dabei war eine Dichtung verrutscht. Beim Anz├╝nden schlugen pl├Âtzlich gelbe, ru├čige Flammen aus dem Geh├Ąuse. Mit einem Fu├čtritt bef├Ârderte ich den Feuerball in das Hafenbecken und dr├╝ckte ihn solange unter Wasser, bis die Flammen erstickten. Reinhard hatte noch eine Patrone ├╝brig und ich bekam nach einiger Zeit den Kocher wieder in Gang. Es war nichts passiert und der Morgenkaffee gesichert.

Wir nahmen uns dann noch die Zeit, uns Enkhuizen n├Ąher anzusehen. In der N├Ąhe des Hafens gibt es ein gro├čes Freiluftmuseum, in das ein ganzer Stadtteil integriert ist und in dem man einen Einblick bekommt, wie hier die Leute vor Generationen gelebt haben. Dazu muss man aber auch Zeit haben. Enkhuizen war einmal die reichste und m├Ąchtigste Stadt an der Zuidersee und das sieht man ├╝berall. Damals hatte sie auch viermal mehr Einwohner als heute.
Wir hatten nur noch Zeit f├╝r einen Besuch im Schipperscafe ´t Ankertje neben der Zufahrt zum Alten Hafen und gegen├╝ber der Drommedaris, das Wahrzeichen der Stadt. Der riesige Turm sch├╝tzte fr├╝her die Hafeneinfahrt.

Dann hie├č es aber ablegen, Kurs Medemblik. Der Wind hatte nach NO gedreht und wehte mit St├Ąrke 3-4. Das k├Ânnte eine schnelle Fahrt werden. Wurde es auch. Wir passierten die Tonne KG und segelten dann Kurs 30° auf das Ijsselmeer hinaus, um genug H├Âhe zu gewinnen und nach dem Umlegen mit einem Schlag Medemblik anlaufen zu k├Ânnen. Das Gro├čsegel hatten wir nicht gerefft und die Genua ganz ausgerollt. Wenn der Wind nicht noch zulegt, wird das Segeln vom Feinsten. Etwa bei der Position 54° 45′ N und 5° 26′ O legten wir um auf Kurs 300° nach Medemblik.
Es wurde eine Rauschefahrt, wie ich sie noch nicht in einem L17 erlebt hatte. Wir segelten halben Wind auf Backbordbug, sa├čen beide auf der hohen Kante und der Au├čenborder und die gut gef├╝llte Backskiste waren ebenfalls auf unserer Seite. Das Ruder und das Schwert begannen zu vibrieren, immer ├Âfter kam die Gischt von vorne ├╝ber uns hinweg, aber alles blieb beherrschbar und viel zu schnell erreichten wir den Hafen von Medemblik, wo wir schon um 14.40 Uhr anlegten.
 
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Auch Medemblik war voll, aber f├╝r uns fand sich auch dort noch eine Ecke, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier war es ungem├╝tlich und wir waren froh, da├č es am n├Ąchsten Morgen weiter gehen sollte.
In der letzten Ecke des Pekelharinghaven Medemblik
 
 
Die geplante ├╝berfahrt von Medemblik nach Workum w├╝rde nass werden, das war uns schon vor der Abfahrt klar. Der Wind blies bereits am Morgen mit 5 Beaufort und der Himmel hatte sich mit dunklen Wolken zugezogen. Aber es nutzte nichts, wir mussten r├╝ber, der Urlaub ging zu Ende.
Wir banden ein Reff in das Gro├č und wollten die Genua nur halb ausrollen. Nachdem wir unter Motor aus dem Hafen gefahren waren, hielten wir die Boote im Wind und setzten die Segel. Das gereffte Gro├čsegel stand eigentlich ganz gut, aber die halb ausgerollte Genua zog nicht richtig und begann h├Ąufig zu schlagen. F├╝r die Genua gilt: entweder ganz oder gar nicht. Beim n├Ąchsten T├Ârn habe ich eine kleine Fock dabei. Das ist auf diesem Revier immer noch Tuch genug.
Die ersten Meilen waren bei Windst├Ąrke 5 gut zu segeln und die Wellen waren noch nicht so hoch. Wir mussten allerdings alles Gewicht auf die hohe Kante bringen, denn wir segelten auf Steuerbordbug so hoch am Wind wie m├Âglich. An der Steuerbordseite hing aber auch der Motor und befand sich die Backskiste mit dem Tank und allem M├Âglichen darin. Wenn wir trotzdem den Kurs 45° halten k├Ânnten, m├╝sste es bis Workum auf einem Bug reichen.
Je weiter wir aber in das freie Gew├Ąsser kamen, umso h├Âher wurden die Wellen und allm├Ąhlich zogen Reinhard und Heide davon. Die hatten mit ihrer Fock die bessere Besegelung f├╝r diese Bedingungen. Es war aber ein gewohnter Anblick: Bei den Regatten sehe ich die Gurke auch nur von hinten .....
Trotz der hohen Wellen und der Gischt, die immer wieder ├╝ber uns hereinbrach, hatten wir nie das Gef├╝hl, da├č das Boot mit diesen Bedingungen ├╝berfordert war. Auch meine Vorschoterin Jutta hatte kein Problem und wollte mich sogar am Ruder abl├Âsen. An einen Positionswechsel auf dem Boot war aber jetzt nicht mehr zu denken.
Wir kamen nicht allzu schnell voran, denn immer h├Ąufiger blieben wir in einem Wellental stecken und dann war ├╝ber uns und um uns nur Wasser. So ging es weiter, bis ich am Horizont zum ersten mal den Kirchturm von Hindeloopen erkannte. Hindeloopen liegt wenige Meilen unterhalb von Workum und wir hielten darauf zu, denn Workum w├╝rden wir unter diesen Bedingungen nicht mehr erreichen. Wir h├Ątten kreuzen m├╝ssen.
Etwa 3 Seemeilen vor Hindeloopen passierte es dann: Am unteren Ruderbeschlag hatte sich eine selbstsichernde!! Mutter aufgedreht, die Schraube rutschte nach au├čen und der untere Beschlag brach ab. Das Ruderblatt drehte sich zur Seite und nahm auch den oberen Beschlag mit. Schnell hob ich das Ruder in die Plicht und klappte den Motor nach unten. Zum Gl├╝ck sprang er sofort an, Jutta hatte schon die Genua eingerollt und wir bargen das Gro├čsegel.
Jetzt war Schluss mit Lustig, denn Marilyn war ohne Ruder, nur mit dem Motor, kaum auf Kurs zu halten. Obwohl wir beide ganz hinten sa├čen, tauchte der Propeller immer wieder aus dem Wasser und die Wellen bestimmten dann die Fahrtrichtung.
Ich schaute nur noch auf den Kirchturm von Hindeloopen und hielt darauf zu, so gut es ging.
 
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Die Marilyn auf dem Weg nach Workum, im Hintergrund das Westufer mit Medemblik.
Wenig sp├Ąter war zum Fotografieren keine Hand mehr frei.
 
 
Reinhard und Heide hatten mittlerweile die Hafeneinfahrt fast erreicht und gesehen, da├č wir ohne Segel fuhren. Sie warteten vor der Einfahrt und fuhren gro├če Kringel, so gut es ging. Die Einfahrt ist sehr eng und bei diesen Wetterverh├Ąltnissen erst sp├Ąt zu sehen. Als wir endlich davor angelangt waren, gab ich Vollgas, um bei dem starken auflandigen Wind nicht noch querzutreiben. Wir behielten die Richtung und dann waren wir durch.
Reinhard hatte die Formalit├Ąten beim Hafenmeister schon erledigt und wir bekamen zwei Liegepl├Ątze inmitten der gro├čen Yachten, die bei diesem Wetter alle im Hafen geblieben waren.

Es war erstaunlich wenig Wasser im Boot, aber die Schlafs├Ącke und die Unterlagen hatten reichlich Feuchtigkeit aufgenommen und deshalb r├Ąumten wir alles aus und banden es zum Trocknen am Steg fest. Der Wind war immer noch so stark, da├č alle Sachen bis zum Abend trocknen w├╝rden.
Auch die Backskiste r├Ąumte ich aus und als ich den Benzintank ├Âffnete und hineinschaute, bekam ich eine G├Ąnsehaut: Der Boden des Tanks war nur noch feucht. Nicht auszudenken, wenn der Motor vor der Hafeneinfahrt stehen geblieben w├Ąre. Noch eine weitere Lehre f├╝r den n├Ąchsten T├Ârn!

Reinhard w├Ąre nicht Reinhard, wenn er nicht auch noch Ersatz-Ruderbeschl├Ąge dabeigehabt h├Ątte. Am n├Ąchsten Morgen waren die neuen Ruderbeschl├Ąge dran. Die abgedrehte Mutter fanden wir im Boot und so lie├č sich der Hergang der Havarie auch erkl├Ąren.
 
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Im Yachthaven Hindeloopen - das Ruder ist ab
 
 
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Abends hatten wir mal keine Lust auf einen Restaurantbesuch, denn Heide besa├č noch bedeutende Rose´-Vorr├Ąte und andere Leckereien und so feierten wir ein z├╝nftiges Bordfest in der Gewissheit, den T├Ârn zu einem guten Abschluss gebracht zu haben. Wohl manch einer der Yachties, die an unserem Liegeplatz vorbeigingen, h├Ątte sich gerne dazugesetzt.
Gem├╝tlichkeit in der Kaj├╝te
 
 
Am Samstagmorgen, unserem letzten Urlaubstag, war das Wetter immer noch dasselbe, es regnete und der Wind blies mit St├Ąrke 5 bis 6, in B├Âen 7 in die Hafeneinfahrt hinein. Auslaufen mit unseren Booten war unm├Âglich und jetzt hatten wir ein Problem, denn im Jachthaven Hindeloopen gibt es keine Slipanlage. Der Hafenmeister verlangte f├╝r die Benutzung des Krans 100 € pro Boot und gab uns gleich den Tipp, mit dem anderen Hafenmeister, der hier von Morgens bis Abends in gro├čer Uniform heruml├Ąuft und alles regelt, zu reden, damit er uns die Schleuse zum Binnenhafen ├Âffnet, denn dort gibt es eine Slipanlage.
 
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Der gro├če Meister ├╝ber alles hier lie├č sich nicht zweimal bitten, machte mit uns eine Uhrzeit ab und mit gelegten Masten fuhren wir vor die Schleusentore. Das Schleusen klappte problemlos f├╝r ein paar Euros und nach kurzer Fahrt waren wir schon im Binnenhafen an der Slipanlage.
In der kleinen Schleuse zum Hindelooper Binnenhafen
 
 
Jetzt m├╝ssen wir nur noch nach Workum kommen, um unsere Autos mit den Trailern zu holen. In der N├Ąhe sahen wir eine kleine Tankstelle mit Werkstatt. Die Mitarbeiter des kleinen Betriebes machten gerade Pause und so fragten wir in die Runde, wer uns nach Workum fahren k├Ânnte.
Nat├╝rlich niemand, aber wir lie├čen nicht locker und dann hatte einer der Mechaniker ein Einsehen und beauftragte seine Freundin, die hier auch arbeitet, uns zu fahren.
Kurze Zeit sp├Ąter waren wir in Workum, bezahlten die Freundin und beim Hafenmeister noch unser Standgeld und sonstige Geb├╝hren und fuhren nach Hindeloopen zur├╝ck.
 
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Die Vier vom Ijsselmeer
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Der Rest war Routine. Als die Boote reisefertig auf den Trailern standen, tranken wir im Wohnmobil zusammen noch einen letzten Kaffee und verabschiedeten uns.

Insgesamt hatten wir ├╝brigens 84 Seemeilen unter Segeln und Motor zur├╝ckgelegt.

Wir kamen alle gut nach Hause und so fand die Unternehmung einen guten Abschlu├č. Das einzig schlechte an diesem T├Ârn war das Wetter, aber es hat uns die Stimmung nicht verderben k├Ânnen und wir haben jeden Tag das Beste aus der Situation gemacht.
Einige Dinge sind aber wichtig, damit so etwas zur Zufriedenheit aller funktioniert: Man sollte Spa├č haben am einfachen Leben und auf jeglichen Komfort in dieser einen Woche verzichten k├Ânnen. Es ist ein Leben ohne Stehh├Âhe auf engstem Raum. Da├č man sich dabei mit seinem Partner gut verstehen muss, ist Bedingung. Auch sollte man seefest sein und keine Angst vor Gew├Ąssern haben, auf denen man das Ufer nicht mehr sieht.
Heide und Reinhard, die als die Revierkenner auch die Leitung des T├Ârns hatten, muss ich ein dickes Kompliment machen. Sie taten dies mit viel Umsicht, nie kam Hektik auf, nie fiel ein b├Âses Wort. Die beiden h├Ątten noch die letzte Tasse Kaffee mit uns geteilt und Reinhard wusste, was am Boot als erstes kaputtgeht.
Das schlechte Wetter wurde sowieso woanders gemacht.
Die Friesen habe ich als nette, hilfsbereite und freundliche Leute kennen gelernt, bei denen man sich willkommen f├╝hlt. In schlechter Erinnerung bleibt mir nur ein deutscher Eigner, der im Hafen von Hindeloopen eine riesige, fast 1,5 m┬▓ gro├če Deutschlandflagge in den Masttopp seiner fetten Yacht gezogen hatte und diese dort auch ├╝ber Nacht stehen lie├č. Besch├Ąmend.

Als ich zuhause mein Boot ausr├Ąumte, w├Ąre ich am liebsten sofort wieder hin gefahren in dieses Paradies f├╝r Wassersportler.

Ich mu├č warten bis zum n├Ąchsten Jahr.

Peter Ohl